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Malteser in Überlingen

SÜDKURIER: Themen des Tages -Wiedereinstieg in Arbeitswelt: Vom Rentner zum Aufstocker

17.11.2013
Die 75-jährige Ellie Schöller wird mit ihrem Rollstuhl von den Maltesern Steffen Obert (links) und Steffen Mathiebe auf die Hebebühne des Behindertentransportfahrzeuges bugsiert. Bild: Schutzbach

Auch ältere Menschen können Bundesfreiwilligendienst ableisten. Für viele ist es ein Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Die Organisationen stehen damit vor neuen Herausforderungen.

Es ist punkt 16.45 Uhr. Horst-Hubertus Krug schnappt sich seinen schwarzen Notfall-Rucksack, blickt im Vorbeigehen noch mal auf seinen Einsatzplan und verlässt dann den Sitz der Malteser in Konstanz. Es ist seine vorletzte Fahrt heute. Drei ältere Frauen soll er abholen von einem Treffen im Malteser Seniorenzentrum im Stadtteil Fürstenberg. Schnell findet er den passenden Einsatzwagen, mit ausreichend Sitzgelegenheiten. „Der 900er. Das wird er“, kommentierte er seine Wahl mit einem Lächeln. Noch schnell den Kilometer stand notieren. „Eins, vier, acht, null, vier, sieben“, murmelt er, während er die Ziffern in das Fahrtenbuch notiert. Dann startet er den Motor.


Krug ist Fahrer. Bei den Maltesern. Fast täglich transportiert er Alte und Kranke ins Krankenhaus, nach Hause, zum Arzt oder eben zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Damit erfüllt er eine Tätigkeit, die vor etwa zwei Jahren noch von jungen Zivildienstleistenden übernommen wurde. Krug ist aber weder Zivi noch 18 Jahre alt. Er ist Bundesfreiwilliger und Rentner. Trotzdem wollte der 66-Jährige genau das machen, was er heute tut: Menschen helfen, eine sinnvolle Tätigkeit haben und Struktur in seinen Alltag bringen. Sein Lohn? Neben einem Zubrot vor allem eins: anderen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Krug ist einer von aktuell bundesweit rund 30 000 älteren Bundesfreiwilligen. Seit der Umstellung vom Zivildienst auf den Bundesfreiwilligendienst (BFD) im Jahr 2011 können sich auch Menschen über 27 Jahren engagieren.

Dies war im Rahmen eines Zivildienstes nicht möglich und auch ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) steht nur Jüngeren offen. Jens Kreuter, Bundesbeauftragter für den Bundesfreiwilligendienst, beschreibt den Beschluss zur Öffnung für Ältere als Experiment mit zunächst offenem Ausgang. Mittlerweile machten die Freiwilligen „27 plus“ jedoch rund 40 Prozent aus – rund 20 Prozent davon sind über 50. Mit der großen Zahl an interessierten Lebensälteren habe niemand gerechnet. „Das hat uns wirklich überrascht“, so Kreuter.

Die Motive für Menschen im mittleren Lebensalter in den Bundesfreiwilligendienst einzusteigen, sind vielfältig. Sozialwissenschaftlerin Rabea Haß umreißt einige Gründe: Weiterqualifikation, Einstieg in einen Beruf oder auch eine Neuorientierung nach einem biografischen Bruch, einem Schicksalsschlag oder einem Burnout. Aus ihrer Forschung im Gedächtnis geblieben ist ihr ein Gespräch mit einem Informatiker, der sein Leben umkrempeln wollte. Der Bundesfreiwilligendienst bot ihm den Einstieg in den Umstieg: Sein neuer Wunschberuf: Sozialpädagoge.

Auch im bundesweiten Vergleich bietet sich ein sehr heterogenes Bild. So ist der BFD – statistisch betrachtet – in den ostdeutschen Ländern bei Älteren wesentlich beliebter, als beispielsweise im Südwesten. Kreuter sieht den Hauptgrund darin, dass es in den neuen Län dern weniger Schulabgänger, also junge Anwärter für den Bundesfreiwilligendienst gebe. Somit würden die Stellen mit Älteren besetzt. Haß ergänzt außerdem: Der BFD sei in Ländern wie Sachsen oder Berlin auch von Seiten der Agenturen für Arbeit stärker beworben worden. Nicht wenige hätten dann von einem Ein-Euro-Job in den Bundesfreiwilligendienst gewechselt.

Der BFD als prekärer Arbeitsmarkt also? Linken-Bundestagsabgeordneter Harald Koch meint: „Ja, der BFD verhindert die Schaffung von Arbeitsplätzen.“ Kreuter will davon indes nichts wissen. „Die Freiwilligen gibt es nicht, um eine Lücke zu füllen“, betont er. Haß warnt jedoch davor, den Höchstsatz von momentan 348 Euro Taschengeld weiter anzuheben. Zu groß sei die Gefahr, dass der BFD so zunehmend in Konkurrenz zum realen Arbeitsmarkt treten könne. Ein größeres Problem sieht sie aktuell jedoch woanders. Freiwillige würden oft mit einem sehr niedrigen Taschengeld abgespeist: „Die Höhe ist häufig vom Verhandlungsgeschick der Freiwilligen abhängig.“ In der Folge würden BFDler für die gleiche Tätigkeit oft sehr unterschiedlich entlohnt.

Der Vorteil eines Bundesfreiwilligendienstes gegenüber einem Ehrenamt: Die BFDler sind sozial- und krankenversichert. „Rüstige Rentner“ wie Krug machen deshalb aber den kleineren Teil aus. Denn laut Kreuter bietet der rechtliche Rahmen für sie weniger Vorteile. Abgesichert durch ihren Status als Rentner empfänden manche den BFD als Einschränkung in ihre Freiheit. „Wenn das Gespräch auf Verträge und Urlaubsregelung kommt, zucken viele zusammen.“ Dann entscheiden sie sich eher für ein Engagement ohne Verpflichtungen, erzählt Kreuter.

Krug hingegen entschied sich bewusst für den Bundesfreiwilligendienst. Seinen Lohn sieht er als willkommenen Nebeneffekt. Im Mittelpunkt stehe für ihn aber die sinnvolle Aufgabe. Seine Lebenserfahrung als hilfreicher Schatz? „Ja und nein“. Wenn überhaupt dann sei er vielleicht gelassener geworden. „Ich beziehe viele Dinge nicht mehr auf mich.“ Und: Der Umgang mit den Gebrechen der Menschen sei vielleicht authentischer. „Auch ich habe schon oft Schmerz und Leid erfahren, konnte wochenlang wegen einer Verletzung nicht laufen“, erzählt er. Erfahrungen, die ihm Demut gelehrt und in Geduld geschult hätten.

Insgesamt seien Menschen über 27 Jahren mit ihrer Lebenserfahrung für Organisationen aber oft Gewinn und Herausforderung zugleich. Haß berichtet von hochmotivierten Rentnern, die vorher in Führungspositionen tätig waren, und dann in einem halben Jahr „den ganzen Laden umkrempeln“ wollten. Kreuter dazu: „Wenn eine 30-jährige Oberschwester plötzlich einen 55-jährigen Freiwilligen vor sich hat, muss sie mit ihm anders umgehen als mit einem 18-Jährigen.“

Roland Wehrle, Leiter der Nachsorgeklinik Tannheim, ist deshalb kritisch was den Einsatz von Älteren im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes angeht „Die Plätze sollten jungen Menschen vorbehalten bleiben“, meint er.

Jürgen Raupp Bezirksgeschäftsführer bei den Maltesern in Konstanz sieht das anders. „Für uns sind die älteren Freiwilligen ein absoluter Gewinn, denn sie bringen eine gewisse Reife mit.“ Gerade in Kombination mit Jüngeren entstehe hier oft ein Arbeitsumfeld, in dem alle voneinander profitieren können.

Doch ob jung oder alt: Viele Einsatzstellen mussten seit der Umstellung vom Zivildienst auf den Bundesfreiwilligendienst umdenken. Die Musterung entfällt und mit den neuen Bewerbern steht man vor neuen Fragen: Ist der oder diejenige körperlich und psychisch belastbar? Hat er oder sie vielleicht ein Rückenleiden? „Es ist eine Herausforderung“, betont auch Kreuter. Haß sieht angesichts des demographischen Wandels und des damit verbundenen wachsenden Bedarfs nach Freiwilligen vor allem Chancen. Gerade Menschen, die sonst schlecht integriert seien, könnten zukünftig eine sinnvolle Aufgabe erhalten – zum Beispiel ausländische, benachteiligte oder eben ältere Freiwillige.

Für Krug ist sein Engagement im Bundesfreiwilligendienst auf jeden Fall Chance und Motor zugleich. „Es fordert mich und macht mir auch sehr viel Spaß“, sagt er. Dass seine Tätigkeit mehr ist, als ein Zeitvertreib, zeigt er im Umgang mit den Menschen. Zum Beispiel wenn er sie – sanft stützend – zur Haustüre begleitet oder auch indem er den einen oder anderen Scherz macht. „Es ist schön, dass er da ist”, sagt eine ältere Frau und ergänzt: „Mit ihm ist es immer so lustig.“ Krug freut sich über dieses Kompliment und wird in seiner Überzeugung bestätigt: Er bekommt viel zurück.

von Susanne Ebner

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