Navigation
Malteser in Überlingen

SCHWÄBISCHE Zeitung Ravensburg: Wenn Kinder trauern

21.07.2014
Kerzen für die Verstorbenen: In der Kindertrauergruppe haben Kinder Raum für ihre Trauer und lernen, ihren Schmerz zu verarbeiten. (Foto:

Neue Kindertrauergruppe im Kreis Ravensburg – Nächste Treffen sind im November

Kreis Ravensburg sz Als seine Frau vor drei Jahren starb, brach für Martin Diehl* und seine Kinder Paul und Lisa* eine Welt zusammen. „Sie hatte Krebs. Seit der Diagnose bis zu ihrem Tod vergingen fünf Jahre. Ich habe danach versucht, ein positives Gefühl zu vermitteln, dass das Leben trotzdem weitergeht. Aber man kann als Vater nicht in die Kinder hineinschauen“, beschreibt der 46-Jährige aus dem Kreis Ravensburg die Situation. Seine Tochter war damals zehn Jahre alt, sein Sohn 13.

Über eine Bekannte mit ebenfalls zwei Kindern, die ihren Mann bei einem Motorradunfall verloren hatte, wurde Familie Diehl auf ein neues Angebot aufmerksam: eine Kindertrauergruppe des Ambulanten Kinderhospizdienstes für die Landkreise Ravensburg und Bodensee. „Meine Freundin fragte, ob wir zusammen hingehen“, erzählt Lisa. Also ist sie mitgegangen und erlebte in der Gruppe, die von den beiden Ehrenamtlichen  Ingrid Rauch und Bärbel Meier-Wichmann betreut wird, wie Trauer ausgedrückt und verarbeitet werden kann. „Zu Hause kann man nicht so gut darüber reden“, sagt die mittlerweile 13-Jährige mit den ausdrucksstarken blauen Augen. Das sieht auch ihr Vater so. „Wir gehen natürlich gemeinsam auf den Friedhof oder sprechen auch mal darüber, was passiert ist. Aber ich als Vater tue mich schwer, das alleine mit den Kindern aufzuarbeiten“, bestätigt Martin Diehl. Deswegen findet er die Kindertrauergruppe „eine ganz tolle Sache“. Sechs Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren haben sich seit April einmal im Monat mit den beiden ehrenamtlichen Betreuerinnen im Mehrgenerationenhaus Gänsbühl getroffen, um über ihre Trauer zu sprechen und ihre Gefühle in kreativen Angeboten zu verarbeiten. „Ganz wichtig ist, dass die Kinder bei uns die Erfahrung machen, dass es gleichaltrige Betroffene gibt“, sagt die 45-jährige Bärbel Maier-Wichmann.

Ein Brief an die Mama

Jedes der Treffen fand unter einem speziellen Motto statt. „Am ersten Tag durften die Kinder Kerzen im Glas verzieren – mit Muscheln, Federn, Steinen, Filz und was ihnen eben gefiel“, erzählt Ingrid Rauch. Anschließend hat jedes Kind im Andenken an den Verstorbenen seine Kerze angezündet. „Wir hatten eine Klangschale, und erst wenn der Ton verhallt war, wurde die nächste Kerze entzündet.“ Bei einem anderen Treffen haben die Kinder Erinnerungsgegenstände mitgebracht und von den Verstorbenen erzählt. „Einmal haben wir unsere Ängste, Gedanken und Sorgen dem Verstorbenen in einem Brief mitgeteilt und dann in einer Feuerschale und mit Weihrauch verbrannt. Das fand ich besonders schön“, erzählt Lisa, die trotz des Verlusts und ihres sensiblen Wesens Charakterstärke und Willenskraft ausstrahlt. Gleich zwei Seiten hat sie an ihre verstorbene Mutter geschrieben. „Wir versuchen mit den Kindern Bewältigungsstrategien zu entwickeln und ihnen zu vermitteln, dass Trauer immer ein Teil ihres Lebens sein wird“, erklärt die 64-jährige Ingrid Rauch. Und Bärbel Meier-Wichmann ergänzt: „In den Gruppenstunden besinnen wir uns auf die eigenen Kraftquellen, was machen wir gerne, was tut uns gut.“ Im Mehrgenerationenhaus Gänsbühl stehen der Trauergruppe für die kreative Trauerverarbeitung, das Reden und gemeinsame Rituale zwei Räume zur Verfügung. „Es war uns wichtig, dass wir uns auch mal mit einem Kind zurückziehen können, falls nötig. Und so konnten wir immer mal den Platz wechseln und hatten mehr Variationsmöglichkeiten“, sagt Rauch.

Der Trauer Raum geben

Dass die Kindertrauergruppe, die am Freitag mit einem Abschlussfest endete, seiner Tochter guttat, ist für Martin Diehl offensichtlich. „Ich bin sehr froh, dass sie hingegangen ist. Man merkte richtig, dass sie gerne dort war, selbst nach einem ganzen Tag Schule war ihr das immer wichtig.“ Wie auch für Erwachsene sei es für Kinder elementar, sich im Alltag auch mal die Zeit zu nehmen, um die Trauer gezielt zu verarbeiten. „Es ist gut für die Kinder. Nicht vor dem Handy sitzen oder sich mit etwas anderem beschäftigen, sondern darüber nachdenken, was passiert ist, und es aufarbeiten.“ Das gilt auch für die beiden ehrenamtlichen Leiterinnen der Gruppe. „Es ist eine unglaubliche Bereicherung, weil man sich auch selbst kreativ mit Trauer auseinandersetzt, die jeder von uns hat“, sagt Bärbel Meier-Wichmann und erntet dafür zustimmende Blicke von Ingrid Rauch. „Es ist ein Geschenk, zu merken, dass man dem Kind gut getan hat. Da ist man schon sehr oft berührt“, sagt die pensionierte Lehrerin. Auf die Frage, ob die beiden auch die nächste Gruppe leiten, die im November startet, sagen die beiden Frauen nur ein Wort: „Jaaaa“, und lächeln glücklich. Auch Lisa würde die Gruppe jederzeit wieder besuchen. Zwar hat sie sich unter ihren Freunden und in der Schule „nicht alleine gefühlt“ mit ihrer Trauer, dennoch: „Es hat mir sehr geholfen und es ist schade, dass es zu Ende ist. Wir haben über die Verstorbenen gesprochen und schöne Dinge gemacht. Aber es ist echt okay, wenn jetzt Schluss ist.“ * Namen von der Redaktion geändert.

Sonja-Reischmann-Stiftung ermöglicht Kindertrauergruppe

Der Ambulante Kinderhospizdienst ist ein Kooperationsobjekt des Malteser Hilfsdiensts und der Stiftung Liebenau. Er unterstützt Familien im Landkreis Ravensburg und im Bodenseekreis. Wenn ein Kind oder Elternteil lebensbedrohlich erkrankt oder verstorben ist, begleiten qualifizierte Paten die Familien. Sie kümmern sich um die Geschwisterkinder, betreuen Hausaufgaben und verbringen Zeit mit ihnen. Neu seit diesem Jahr ist die Kindertrauergruppe, die vom Kinderhospizdienst angeboten und von qualifizierten Trauerbegleitern betreut wird. Hier haben Kinder, die ein Elternteil oder ein Geschwisterkind verloren haben, eine regelmäßige Anlaufstelle, um Trauer zu leben. Möglich wurde die Kindertrauergruppe, die im Februar startete, durch eine Spende der Ravensburger Sonja-Reischmann-Stiftung. Mit 13 500 Euro, verteilt auf drei Jahre, unterstützt die Stiftung das besondere Angebot für trauernde Kinder. „Die Idee kam meiner Schwester Angelika Klingenthal und mir dadurch, dass unser Vater sehr früh verstarb und wir Kinder damals keinen Raum zur Trauer hatten“, sagt Sabine Reischmann. Da viele Kinder einen weiten Anreiseweg nach Ravensburg haben, ist für die nächste Gruppe im November eine Art Fahrdienst angedacht, erklärt Barbara Weiland vom Kinderhospizdienst. Zudem ist geplant, eine zweite Gruppe im Bodenseekreis zu starten, sobald es weitere ausgebildete ehrenamtliche Kinder- und Jugendtrauerbegleiter gibt. Auch Ingrid Rauch und Bärbel Meier-Wichmann haben diesen 80-stündigen Qualifizierungskurs absolviert. Interessierte an diesem Ehrenamt wenden sich an Barbara Weiland vom Kinderhospizdienst, 07541/71627. (kik) Im November startet die nächste Kindertrauergruppe. Geplant sind die Treffen samstags von 10 bis 11.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus Gänsbühl, Herrenstraße 43 in Ravensburg. Dazu findet am Mittwoch, 8. Oktober, um 19.30 Uhr ein Infoabend für alle Interessierten im Mehrgenerationenhaus statt. Weitere Informationen: Ambulanter Kinderhospizdienst, Ravensburg: Telefon 0751/3661333, info(at)kinderhospizdienst-ravensburg(dot)de. . Für den Bodenseekreis: Telefon 07541/71627 .
Online Spenden

Weitere Informationen